21.06.2016 | Eine Generation in den Startlöchern

Die Zahl der Arbeitsuchenden im Alter von 50+ steigt von Monat zu Monat. Zu alt, zu teuer, zu unflexibel - heißt es von Seiten vieler Unternehmen. Aber kann es sich unsere Volkswirtschaft auf Dauer leisten, auf die Erfahrung und Schaffenskraft älterer Arbeitnehmer zu verzichten? Welches Potenzial birgt diese Generation und wie kann Zeitarbeit beim Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt als Hebelfunktion dienen? Wir haben nachgefragt!

 


Im Gespräch:
- Birgit Gerstorfer, Geschäftsführerin des AMS Oberösterreich
- Ing. Hans-Peter Panholzer, MBA, Geschäftsführer bei TTI
- Judith Seiwald, BA, Personalmanagement market calling Marketing GesmbH
- Stephan Fischer, 57 Jahre , TTI-Mitarbeiter - eingesetzt als Kranfahrer

 

Mit welchen Herausforderungen haben Mitarbeiter der Generation 50+ bei einem Jobwechsel bzw. Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt zu kämpfen?

Birgit Gerstorfer: Bei einem großen Angebot an Arbeitskräften, wie es derzeit herrscht, haben Ältere mitunter schlechtere Karten. Aber es kommt auch auf die Branche an. Bei körperlich anstrengenden Tätigkeiten sind die Voraussetzungen schlechter als bei Tätigkeiten, die vor allem ein langjähriges berufliches Know-how erfordern. Viele Unternehmen haben Angst, dass ältere Arbeitskräfte unflexibler oder öfter krank sind als jüngere und wegen der Gehaltskurve teurer kommen.

Hans-Peter Panholzer: Ich denke, dass für die Generation 50+ bei einem Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt mehrere Faktoren zusammenspielen: Sich plötzlich wieder bewerben und positionieren, die richtigen Kanäle und Ansprechpartner finden, mit dem Internet warm werden, sich eventuell unterordnen oder Gehaltsabstriche machen müssen - dies kann in vielen Fällen zu Überforderungen führen. Darüber hinaus gibt es auch genügend Unternehmen, die älteren Bewerbern mit Vorurteilen begegnen und lieber auf junge Mitarbeiter setzen, die eventuell team- und anpassungsfähiger sind bzw. mit dem Tempo oder neuen Technologien mithalten können.

Judith Seiwald: Herausforderungen für Bewerber 50+ liegen meines Erachtens in den Anforderungen der Firmen. Vor allem im technischen Bereich gibt es laufend neue Entwicklungen, wo älteren Kollegen einfach mehr Zeit gelassen werden muss - was wiederum mit mehr Zeitaufwand und höheren Kosten verbunden ist und daher teilweise nicht gerne gesehen wird. Sobald sie alles können, kann man jedoch auf Erfahrung, Engagement und Vorbildwirkung zählen.

Stephan Fischer:  Nach Auslaufen meines letzten Jobs im Sommer 2014, habe ich mich rund sechs Monate lang auf sämtliche Jobangebote, die quer durchs Internet sowie an Aushängen zu finden waren, beworben. Man erkennt schon ganz deutlich die Tendenz der Unternehmen zu jüngeren, 'formbareren' Mitarbeitern, die den Unternehmen günstiger kommen. Dies bekommt man in den Bewerbungsgesprächen zu spüren - sofern es überhaupt zu einem kommt.

 

Wie kann man mit 50+ attraktiv für Unternehmen bleiben bzw. werden? Welches Potenzial sehen Sie in arbeitswilligen Personen dieser Generation?

Stephan Fischer: Die Märkte heutzutage sind so schnelllebig und wechselhaft, dass sich Arbeitskräfte, aber auch Maschinen, schneller an die betriebliche Situation anpassen müssen.
Dass, wie damals zu meiner Lehrzeit, der Ausbildungsbetrieb auch jener Arbeitsplatz bis zur Rente ist, diese Zeiten sind eindeutig vorbei. In unserer Generation müssen wir umdenken, flexibler und anpassungsfähiger werden, offen sein für Neues und uns ständig weiterbilden. In unserem Alter weiß man einen 'sicheren' Arbeitsplatz einfach mehr zu schätzen, darum möchte man sich bestmöglich im Unternehmen ein- und es mit Einsatz und Leistung voranbringen.

Hans-Peter Panholzer: Die Generation 50+ ist heutzutage aus mehreren Gründen ein unverzichtbarer Bestandteil am Arbeitsmarkt: Es fehlt uns immer mehr an qualifizierten Fachkräften und diese Generation hat über Jahrzehnte umfangreiche Ausbildungen genossen. Darüber hinaus spricht für diese Altersgruppe neben deren Erfahrungsschatz auch das Attribut 'Verlässlichkeit', das mittlerweile in der Berufswelt Mangelware geworden ist. Bei vielen unserer Kunden kommt es auf schnelle und passgenaue Besetzung an. Das Alter der Bewerber ist hierbei von nachrangiger Bedeutung. Entscheidend sind Qualifikation und Motivation! Auf diese Weise haben wir schon vielen älteren Arbeitnehmern zu einer neuen Karriereperspektive verholfen.

Birgit Gerstorfer: Die Generation der über 50-Jährigen ist in der Regel gut ausgebildet und firmentreu. Die Jüngeren wachsen hingegen in einem stark veränderten Umfeld auf. Job- und Branchenwechsel sind heute nicht mehr ungewöhnlich und gehören ganz selbstverständlich zu einer Jobkarriere. Beide Karriereverläufe haben ihre Vor- und Nachteile. Entscheidend ist aber, dass sich die Arbeitskräfte - egal welchen Alters - ständig weiterbilden. Darüber hinaus haben Studien mehrfach gezeigt, dass eine Durchmischung der Belegschaft für Unternehmen viele Vorteile bringt. Gerade 'inhomogene' Teams - was etwa Alter, Geschlecht sowie den persönlichen und beruflichen Background betrifft - sind meist kreativer als Gruppen mit gleichartigen Erfahrungen.

Judith Seiwald:  Market calling Marketing GmbH hat aktuell 26 Mitarbeiter 50+ beschäftigt, das macht rund 17 Prozent der Gesamtbelegschaft aus. Wir sind stolz auf unsere 'älteren' Kollegen, die teilweise schon sehr lange bei uns im Unternehmen sind und somit auch wertvolle Erfahrungen und Tipps für die jüngeren Kollegen parat haben, die diese auch gerne annehmen. Market calling findet in dieser Mitarbeitergruppe langfristige Kollegen, die sehr offenherzig und dankbar sind, in einem Unternehmen mit fixem Arbeitsplatz tätig sein zu dürfen - und das ganz ohne Angst, von Jüngeren überflügelt zu werden.

 

Welchen Stellenwert messen Sie Zeitarbeit in Hinblick auf die Eingliederung älterer Arbeitsuchender in den Arbeitsmarkt bei?

Birgit Gerstorfer: Häufig ist die Arbeitskräfteüberlassung für gering qualifizierte Personen oder auch Zuwanderer der Einstieg in den heimischen Arbeitsmarkt. Im Idealfall profitieren die Zeitarbeitskräfte von den unterschiedlichen Berufserfahrungen und dem Know-how, das sie im Zuge verschiedener Projekte sammeln können.
Durch Personaldienstleister werden bei kurzfristigen Arbeitsspitzen Arbeitsplätze generiert, die sonst nur durch Überstundenleistungen oder Auslagerungen abgedeckt werden könnten. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten brechen allerdings die Jobs auf Überlassungsbasis als erste weg. Die Zeitarbeitsbranche ist daher so etwas wie ein Seismograph im konjunkturellen Umfeld, der sehr sensibel auf Veränderungen reagiert. Im vergangenen Jahr wurden mit Unterstützung des AMS OÖ 54.900 offene Stellen in unserem Bundesland besetzt. Knapp 16.700 Stellen - also 30 Prozent der Gesamtheit - entfielen dabei auf Arbeitskräfteüberlasser. Sie sind - neben den heimischen Industrie- und Gewerbebetrieben - wichtige Player auf dem oberösterreichischen Arbeitsmarkt und wichtige Geschäftspartner des AMS.

Hans-Peter Panholzer: Zeitarbeit kann bei Eingliederung älterer Arbeitnehmer ein sehr große Rolle spielen und mit Vorurteilen bzw. Bedenken aufräumen. Unternehmen möchten oftmals das Risiko vermeiden, ältere Personen einzustellen, um sie kurz darauf wieder zu entlassen, wenn sie mit dem Tempo nicht mithalten oder sich schwer integrieren können. Dieses Bild, das sich dann möglicherweise in der Öffentlichkeit manifestiert und für das sich ein Unternehmen rechtfertigen müsste, wollen viele umgehen. TTI hat hier keine Berührungsängste. Im Gegenteil, wir sind der Meinung, dass Zeitarbeit gerade in solchen Fällen eine attraktive und nachhaltige Tür öffnet: Arbeitssuchende bekommen eine neue Chance, sich am Arbeitsmarkt zu beweisen und Unternehmen die Möglichkeit, den Mitarbeiter mit all seinen Fähigkeiten in Ruhe kennen zu lernen. Diese Sichtweise hat sich in den vergangenen Jahren bewährt.

Stephan Fischer: Besonders die Jobsuche gestaltet sich über einen Personaldienstleister wesentlich einfacher, da diese einen guten und realistischen Überblick über den Markt haben und Bedarfe von Firmen kennen, die vielleicht gar nicht öffentlich ausgeschrieben werden. Wesentlich erleichtert wird einem auch der Bewerbungsprozess an sich - weniger Anfahrtswege oder Gesprächstermine, weniger Papierkram. Ich habe nun einen direkten Ansprechpartner bei TTI, der sich um meine Anliegen kümmert und Fragen umgehend beantwortet. Den stets freundlichen und kollegialen Umgang weiß ich sehr zu schätzen.

 

Welche Unterstützung erfahren ältere Arbeitssuchende bzw. Unternehmen von Ihnen?

Birgit Gerstorfer: Wir haben spezielle Förderangebote für Arbeitssuchende über 50 bzw. Unternehmen, die diese Personen einstellen. Dazu zählen die Kombilohnbeihilfe und die Eingliederungsbeihilfe. Seit August bieten wir überdies das Produkt Arbeit & Bildung für die Generation 50+ an. Kombiniert werden dabei die Vorteile der Eingliederungsbeihilfe und der Qualifizierungsförderung für Beschäftigte: Unternehmen, die arbeitslose Personen im Alter von über 50 Jahren einstellen und beruflich qualifizieren, erhalten eine zweifache Förderung. Wir leisten damit auch einen wichtigen Beitrag zum lebenslangen Lernen.

Hans-Peter Panholzer: Wir beschäftigen Menschen, nicht nur Profile! Seit 25 Jahren steht bei TTI der Mensch mit seinen beruflichen und persönlichen Interessen im Mittelpunkt. Wir übernehmen soziale Verantwortung für jene Personen, die für uns arbeiten oder sich von uns vermitteln lassen. Daher ist es für uns selbstverständlich, dass wir auch ältere Arbeitnehmer dabei unterstützen, neue Jobperspektiven zu finden.