02.02.2017 | Die Arbeit los

Im Gespräch mit Gerhard Straßer, geschäftsführender Leiter des AMS OÖ


TTI: Wo sehen Sie die Gründe für die hohe Arbeitslosigkeit in Österreich?

 

Gerhard Straßer: In erster Linie hängt die hohe Arbeitslosigkeit mit dem überproportionalen Anstieg des Arbeitskräfteangebots zusammen, während das Angebot an offenen Stellen nicht im gleichen Ausmaß zunimmt. Gerade nach Österreich sind viele ausländische Arbeitskräfte zugewandert, doch auch die faktische Abschaffung der Frühpension und die steigende Erwerbsneigung der Frauen führen dazu, dass immer mehr Menschen Beschäftigung brauchen bzw. wollen.

 

TTI: Einerseits herrscht Rekordarbeitslosigkeit, andererseits (Fach-)Käftemangel. Wie erklären Sie sich diese Diskrepanz?

 

Gerhard Straßer: Knapp die Hälfte der Arbeitslosen kann keine formale berufliche Ausbildung vorweisen. Und fast die Hälfte aller ausgebildeten Technikerinnen und Techniker arbeitet nicht im Produktionsbereich. Die beruflichen Anforderungen steigen fast in allen Branchen, doch viele Menschen sind darauf nicht vorbereitet, weil sie nicht (mehr) dem gestiegenen Anforderungsprofil entsprechen. Hinzu kommen andere Hinderungsgründe, wie gesundheitliche Einschränkungen oder eine geringe Mobilität.

 

TTI: Leider muss man davon ausgehen, dass es auch arbeitsfähige Menschen gibt, die arbeitslos bleiben wollen. Was sind die Gründe dafür und wie kann man sie bewegen, ihre Qualifikation in den Arbeitsmarkt einzubringen?

 

Gerhard Straßer: Vorab muss ich anführen, dass die Gruppe der "Drückeberger" eine verschwindend kleine Minderheit darstellt. Der überwiegende Teil der Betroffenen sucht ernsthaft und mit Engagement nach neuer Arbeit. Warum manche Menschen bewusst dem Arbeitsmarkt fernbleiben wollen, kann vielerlei Gründe haben: Etwa, dass man mit Pfusch ein gutes Einkommen erzielen kann oder die Differenz zwischen Sozialleistungen und Entlohnung für zu gering erachtet wird. Wir als AMS wollen durch verbindliches Arbeiten den Menschen signalisieren, dass zumutbare Arbeitsangebote eine Verpflichtung darstellen.

 

TTI: Welche Rolle spielen Personaldienstleister am Arbeitsmarkt?

 

Gerhard Straßer: Aktuell kommen 37 Prozent der freien Stellen von Personaldienstleistern. Die Zusammenarbeit verläuft in der Regel sehr gut und Arbeitskräfteüberlasser werden von uns gleich gut behandelt wie die Betriebskunden. Leasingarbeit ist vor allem für Zuwanderer oder auch ältere Arbeitskräfte eine Chance, den (Wieder-)Einstieg in die Berufswelt zu schaffen.

 

TTI: Arbeitslosigkeit und Bildungsniveau verhalten sich umgekehrt proportional. Welche Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen halten Sie für sinnvoll?

 

Gerhard Straßer: Sinnvoll sind insbesondere Ausbildungen in zukunftsträchtigen Tätigkeitsfeldern. Ein nachträglicher Lehrabschluss in einem technischen oder handwerklichen Beruf kann Gold wert sein. Doch sind diese Ausbildungen teuer und die Teilnehmenden an solchen Programmen brauchen einen langen Atem, um die Dauer der Qualifizierung vor allem finanziell durchzustehen. Das AMS OÖ fördert aber auch die Qualifizierung von Beschäftigten oder die Ausbildungen im Rahmen einer Arbeitsplatznahen Qualifizierung (aqua), wenn Personen ein Upgrade oder eine Erweiterung ihrer bisherigen Kenntnisse benötigen. Mit diesen Instrumenten kann man flexibel auf die konkreten Berufsanforderungen reagieren.

 

TTI: Was wünschen Sie sich in Zukunft für die Kooperation zwischen AMS und Personaldienstleistern?

 

Gerhard Straßer: Wir wollen weiterhin eine gute Zusammenarbeit im Sinne unserer beiden Kundengruppen. Das heißt, wir vermitteln Personal für die Firmen und Jobs für die arbeitsuchenden Menschen.

 

TTI: Vielen Dank für das Gespräch!